Inhaltliche Qualitätssicherung: Karoline Lorf (Apothekerin)
Auf jeder zweiten Verpackung steht es gerade: natürlich, ohne Schadstoffe, clean. Aber was bedeutet das eigentlich? Und ist Clean Beauty wirklich sauberer, oder nur besser vermarktet?
Als Apothekerin werde ich zu diesem Thema oft gefragt. Meine ehrliche Antwort: Es steckt mehr dahinter als Marketing. Gleichzeitig ist es komplizierter als die meisten Hochglanzbroschüren suggerieren.
Was „Clean” wirklich bedeutet
Zunächst die schlechte Nachricht: Den Begriff „Clean Beauty” gibt es als geschützte, einheitliche Kennzeichnung nicht. Jede Marke definiert ihn selbst. „Clean” auf einer Verpackung kann bedeuten „ohne Parabene”, „ohne synthetische Duftstoffe” oder schlicht „wir finden, dass es schön klingt”.
Wenn der Begriff ernsthaft gemeint ist, geht es um Kosmetikprodukte die auf bestimmte Inhaltsstoffe verzichten: solche die im Verdacht stehen den Hormonhaushalt zu beeinflussen, Allergien auszulösen oder in der Umwelt problematisch zu sein. Clean Beauty ist dabei nicht dasselbe wie Naturkosmetik. Naturkosmetik unterliegt strengen Siegelstandards und schließt synthetische Inhaltsstoffe aus. Schadstofffreie Kosmetik hingegen kann durchaus synthetische Wirkstoffe enthalten, solange sie unbedenklich und gut verträglich sind.
Die relevantesten Gruppen kritischer Inhaltsstoffe:
Parabene sind Konservierungsstoffe die in vielen Cremes, Shampoos und Lippenstiften stecken. Sie können durch die Haut aufgenommen werden und stehen im Verdacht hormonähnlich zu wirken. Übersichtsarbeiten zeigen erste Hinweise auf Zusammenhänge mit dem Östrogenhaushalt und der Schilddrüsenfunktion, wobei die Forschungslage noch nicht abschließend ist und weitere Studien am Menschen nötig sind (PMC10607526).
Synthetische Duftstoffe gehören zu den häufigsten Auslösern von Kontaktallergien. Hersteller müssen zwar „Parfum” deklarieren, aber nicht alle Einzelbestandteile offenlegen. Was konkret enthalten ist, bleibt oft im Dunkeln.
Phthalate sind Weichmacher die unter anderem in Nagellacken und parfümierten Produkten vorkommen. Auch sie stehen im Verdacht den Hormonstoffwechsel zu beeinflussen.
PEG-Verbindungen werden kontrovers diskutiert. Unter anderem wird ihr Einfluss auf die Hautbarriere untersucht.
Was die Regulierung abdeckt und was nicht
Die EU hat weltweit eines der strengsten Kosmetikregularien. Hunderte von Stoffen sind verboten oder stark eingeschränkt, während die FDA in den USA laut eigenen Angaben nur neun konkrete Stoffe und Stoffgruppen verbietet oder beschränkt, darunter Bithionol, Quecksilberverbindungen und Chloroform (FDA, Cosmetics Safety Q&A). Die EU-Liste wird regelmäßig aktualisiert und erweitert.
Gut geschützt bedeutet jedoch nicht, dass alle zugelassenen Stoffe für jeden Menschen und jede Lebenssituation unproblematisch sind. Besonders bei täglicher Anwendung über Jahre, bei Schwangeren, stillenden Frauen oder Menschen mit hormonellen Erkrankungen lohnt ein genauerer Blick.
Ein weiterer blinder Fleck sind Duftstoffe. Ab 2026 müssen in der EU deutlich mehr allergene Duftstoffe einzeln deklariert werden. Die Liste wurde von bislang 26 auf über 80 Stoffe erweitert. Alles andere läuft weiterhin unter dem Sammelbegriff „Parfum”. Dahinter können Dutzende Einzelsubstanzen stecken die für sich genommen erlaubt sind, in Kombination und bei täglicher Exposition aber kaum erforscht sind.
Forschungsergebnisse zeigen: Endokrine Disruptoren, also Stoffe die in den Hormonhaushalt eingreifen können, darunter Parabene, Phthalate und Bisphenole, können besonders für Frauen im reproduktionsfähigen Alter relevant sein, da sie täglich und über längere Zeiträume verwendet werden (PMC12289576). Die kumulierte Belastung durch mehrere Produkte gleichzeitig ist dabei schwer abzuschätzen.
Aus der Beratung : wenn Hautreizungen kein Zufall sind
Vielleicht kennst du das: Morgens Cleanser, Serum, Feuchtigkeitscreme, Sonnenschutz. Abends Abschminkprodukt, Toner, Nachtcreme. Dazu Shampoo, Conditioner, Körperlotion. Macht zusammen leicht zehn bis zwölf Produkte täglich. Irgendwann tauchen Hautreizungen auf die kommen und gehen, ohne dass du weißt warum.
In der Apothekenberatung erlebe ich das regelmäßig. Wir schauen gemeinsam die Inhaltsstofflisten durch und finden in drei verschiedenen Produkten denselben Duftstoff, jeweils unter anderem Namen, jeweils in erlaubter Konzentration. Zusammen aber eine konstante Belastung.
Zwei Produkte austauschen, auf Duftstoff-frei umsteigen. Oft lässt die Belastung dadurch spürbar nach. Kein Drama, keine Panik. Nur bewusstere Auswahl.
Das ist Clean Beauty in der Praxis. Nicht Verzicht, sondern Bewusstsein. Und nicht ein einmaliger Produktwechsel, sondern eine andere Art hinzuschauen.
Wie du die Inhaltsstoffliste liest
In der Apotheke verfahre ich nach einem einfachen Prinzip: Dreh das Produkt um und schau auf die Rückseite. Die vollständige INCI-Liste (International Nomenclature of Cosmetic Ingredients) ist auf jedem Produkt Pflicht. Du musst sie nur lesen können.
Auf diese Begriffe lohnt es sich zu achten:
-
Methylparaben, Ethylparaben, Propylparaben, Butylparaben: Konservierungsstoffe, in vielen Produkten noch erlaubt
-
Parfum / Fragrance: kann Dutzende Einzelstoffe umfassen, darunter potenzielle Allergene
-
PEG-Verbindungen: erkennbar am „PEG-” Präfix
-
Formaldehyd-Abspalter: wie DMDM Hydantoin oder Quaternium-15
Inhaltsstoffe sind nach absteigendem Anteil gelistet. Was ganz oben steht, macht den größten Teil des Produkts aus. Steht ein Wirkstoff den du eigentlich kaufst, zum Beispiel Hyaluronsäure, ganz am Ende der Liste, ist er kaum in relevanter Konzentration enthalten. Ein Produkt das mit Hyaluronsäure wirbt und sie nur in Spurenmengen enthält, ist häufig vor allem eine teure Feuchtigkeitscreme.
Drei Fragen beim nächsten Einkauf: Erkenne ich die wichtigsten Inhaltsstoffe? Stehen die Wirkstoffe oben oder unten? Und: Brauche ich wirklich alle zehn Produkte in meiner Routine?
Pharmazeutische Qualität
Echter Qualitätsanspruch unterscheidet sich von reinem Marketing darin was drin ist, nicht nur darin was fehlt. Viele Clean-Beauty-Produkte werben damit was sie nicht enthalten. Der entscheidende Unterschied liegt in der Konzentration und Qualität der Wirkstoffe die wirklich verwendet werden.
Pharmazeutische Qualität bedeutet: wenige, gezielt ausgewählte Wirkstoffe in einer Konzentration die auch wirkt. Nicht zehn Inhaltsstoffe die gut klingen, sondern drei die belegt funktionieren. Jeder Wirkstoff mit klarer Funktion, jede Formulierung mit definiertem Qualitätsstandard.
Apothekenqualität geht noch einen Schritt weiter: Herstellungsprozesse, Reinheitsstandards und Qualitätskontrollen nach denselben Richtlinien die auch für Arzneimittel gelten. Das ist der Unterschied zwischen einem Produkt das Clean Beauty auf dem Etikett trägt und einem das diesen Anspruch wirklich in der Entwicklung und Herstellung lebt.
Der Blick nach innen: Pflege von innen und außen
Hautpflege von außen ist nur eine Seite. Bestimmte Stoffe können je nach Molekülgröße und Formulierung die Hautbarriere durchdringen. Gleichzeitig spiegelt die Haut wider was innen passiert: im Hormonsystem, im Stoffwechsel, in den Zellen.
Vitamin C wird sowohl topisch in Seren eingesetzt als auch als oraler Mikronährstoff genutzt, wo es als essenzieller Cofaktor für die Kollagenbildung wirkt, von innen heraus, in den Fibroblasten. Mit zunehmendem Alter nimmt die körpereigene Kollagenproduktion ab. Besonders in der Perimenopause, wenn der Östrogenspiegel sinkt, beschleunigt sich dieser Abbau deutlich.
Wer nur auf die Oberfläche schaut, löst das Problem nur zur Hälfte. Viele Menschen kombinieren topische Pflege mit einer bedarfsgerechten Versorgung von innen. Was der Körper dabei konkret braucht, erklärt unser nächster Artikel über Kollagen und Vitamin C.
Clean Beauty und innere Unterstützung sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Medaille.
Fazit
Clean Beauty ist mehr als ein Marketingbegriff. Das Anliegen dahinter ist berechtigt: Transparenz darüber was auf unsere Haut kommt, besonders bei täglicher Anwendung über Jahre.
Kritische Inhaltsstoffe reduzieren, INCI-Listen lesen, bewusste Entscheidungen treffen. Nicht aus Panik, sondern aus informierter Wahl. Wer wirklich clean lebt, fragt nicht nur was draußen bleibt, sondern auch was drin ist und in welcher Qualität.
Ein wichtiger Hinweis: Kosmetische Unverträglichkeiten und Allergien sind individuell sehr verschieden. Bei anhaltenden Hautproblemen lohnt sich immer ein Gespräch in der Apotheke oder beim Dermatologen.
Das findest du bei Manuthek
Die lessmore® Kosmetiklinie ist ohne Parabene, synthetische Duftstoffe und PEGs formuliert. Jeder Wirkstoff ist klar deklariert, jede Formulierung folgt pharmazeutischen Qualitätsstandards aus unserer eigenen Manufaktur. Das Prinzip: wenige, gezielt ausgewählte Inhaltsstoffe in wirksamer Konzentration, kein Füllstoff, kein Greenwashing.
-
👉 Beratung
Mehr lesen & vertiefen
Unsere Ratgeber:
Wissenschaftliche Grundlagen:
-
Kalsi Rajashekara N et al. (2025). Role of personal care products as endocrine disruptors. Frontiers in Reproductive Health. PMC12289576
-
Azeredo DBC et al. (2023). Parabens Hazardous Effects on Hypothalamic-Pituitary-Thyroid Axis. International Journal of Molecular Sciences. PMC10607526
Externe Quellen:
APPROBIERTE APOTHEKERIN • PUBLIC HEALTH • DIGITALE GESUNDHEITSKOMMUNIKATION
Karoline Lorf verbindet pharmazeutische Praxis mit Public-Health-Perspektiven und digitalem Denken. Mit Erfahrung in öffentlicher Apotheke, Krankenhaus und klinischen Umgebungen, darunter die Leitung pharmazeutischer Operationen im COVID-19-Impfzentrum Düsseldorf, bringt sie ein tiefes Verständnis für Arzneimittelsicherheit und Qualitätsprozesse mit. Heute fokussiert sie sich auf skalierbare Gesundheitsbildung, KI-gestützte Ansätze und Health Equity: Gesundheitsinformationen müssen für alle zugänglich sein, unabhängig von Bildung, Einkommen oder Wohnort. Sie studiert derzeit Public Health an der IU Hochschule.

