Lithium und Alzheimer: Was hinter der neuen Studie steckt

Nachdenklicher älterer Mann mit grauem Haar und Bart stützt den Kopf auf die Hand – Symbolbild zu Lithium und Alzheimer

Inhaltliche Qualitätssicherung: Karoline Lorf (Apothekerin)

Wenn ein Elternteil an Alzheimer erkrankt, bleibt oft eine Frage hängen: Und was ist mit mir? Genau dort setzen gerade viele Schlagzeilen an. Seit im August 2025 eine Forschungsgruppe der Harvard Medical School in der Fachzeitschrift Nature eine Studie zu Lithium und Alzheimer veröffentlicht hat, kursiert im Netz die Idee „Lithium gegen Demenz“, meist mit deutlich mehr Gewissheit, als die Daten hergeben.

Ich schaue mir als Apothekerin an, was die Studie tatsächlich zeigt, was daraus nicht folgt und was du für dein Gehirn heute schon tun kannst.

Kurz erklärt: Demenz und Alzheimer

Demenz ist ein Oberbegriff für Erkrankungen, bei denen Gedächtnis, Orientierung, Sprache und Urteilsvermögen zunehmend nachlassen. Die häufigste Ursache ist die Alzheimer-Krankheit. Nach Berechnungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland rund 1,84 Millionen Menschen mit einer Demenz, die meisten davon mit Alzheimer. Bis 2050 könnten es 2,3 bis 2,7 Millionen sein.

Im Gehirn lagern sich dabei Beta-Amyloid-Plaques zwischen den Nervenzellen ab, in den Zellen verändert sich das Tau-Protein, und Nervenzellen gehen nach und nach verloren. Das beginnt oft viele Jahre, bevor jemand etwas bemerkt.

Nicht jede Vergesslichkeit ist Alzheimer. Schlafmangel, Stress, Depressionen, Schilddrüsenerkrankungen, Vitaminmangel oder bestimmte Arzneimittel können ähnliche Beschwerden machen. Bei wiederkehrenden oder zunehmenden Problemen gehört das in ärztliche Hand.

Heilen lässt sich Alzheimer bisher nicht. Einige Arzneimittel können Symptome lindern, und für ausgewählte Menschen mit früher Alzheimer-Krankheit gibt es inzwischen Antikörper (Lecanemab, Donanemab), die das Fortschreiten verlangsamen können. Sie brauchen eine sorgfältige Auswahl und Überwachung. Genau weil es keine Therapie gibt, die die Krankheit aufhält, sucht die Forschung breit nach neuen Ansätzen. Einer davon ist Lithium.

Lithium: Psychiatrie-Medikament und Forschungsthema

Die meisten kennen Lithium als Arzneistoff bei bipolaren Störungen, meist als Lithiumcarbonat. Es wird individuell dosiert und eng kontrolliert, denn der Abstand zwischen wirksamer und zu hoher Dosis ist klein. Blutspiegel sowie Nieren- und Schilddrüsenfunktion werden regelmäßig überprüft, Nebenwirkungen können Zittern, vermehrter Durst und Veränderungen von Nieren- und Schilddrüsenfunktion sein.

In der Alzheimerforschung geht es um etwas anderes: um sehr viel niedrigere Mengen und um die Frage, welche Rolle das natürlicherweise im Körper vorkommende Lithium im Gehirn spielt. Einen einheitlich definierten „niedrigen“ Bereich gibt es dabei nicht, die Studien unterscheiden sich bei Verbindung und Menge. Auch niedrige Dosen sind nicht automatisch nebenwirkungsfrei.

Was die Harvard-Studie gezeigt hat

Das Team untersuchte menschliches Hirngewebe und ergänzend Mäuse. Die wichtigsten Beobachtungen:

  • In bestimmten Hirnregionen von Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder Alzheimer fanden sich geringere Lithiumkonzentrationen als in den Vergleichsgruppen.
  • Lithium kann an Amyloidablagerungen binden und könnte dadurch an anderer Stelle im Gehirn fehlen.
  • Bei Mäusen, deren Lithiumversorgung experimentell gesenkt wurde, nahmen Amyloidablagerungen und Tau-Veränderungen zu, und das Gedächtnis ließ nach.
  • In Mausmodellen verminderte Lithiumorotat bestimmte krankheitstypische Veränderungen.

Das macht die Studie spannend: Sie liefert nicht nur eine Beobachtung, sondern eine mögliche Erklärung. Was sie nicht zeigt: dass ein Lithiummangel beim Menschen Alzheimer verursacht oder dass Lithiumorotat Alzheimer beim Menschen verhindert oder behandelt. Für Lithiumorotat fehlt bislang ein belastbarer klinischer Wirksamkeitsnachweis bei Alzheimer.

Warum ausgerechnet Lithiumorotat?

Lithium gibt es in verschiedenen Verbindungen. In den untersuchten Alzheimer-Mausmodellen wurde Lithium nach Gabe von Lithiumorotat weniger stark in die Plaques eingelagert als nach Lithiumcarbonat. Außerhalb der Plaques wurden im Hirngewebe höhere Lithiumkonzentrationen gemessen.

Das erklärt das Interesse. Eine nachgewiesene Überlegenheit beim Menschen ist es nicht.

Trinkwasser-Studien: ein Hinweis, kein Beweis

Mehrere Beobachtungsstudien haben untersucht, ob Regionen mit mehr natürlichem Lithium im Trinkwasser weniger Demenzfälle haben. Einige fanden einen solchen Zusammenhang, andere nicht. Dazu kommt: Beobachtungsstudien können nicht ausschließen, dass etwas anderes dahintersteckt, etwa Lebensstil, Umwelt oder Gesundheitsversorgung vor Ort. Eine Empfehlung, mehr Lithium aufzunehmen, lässt sich daraus nicht ableiten.

Was klinische Studien am Menschen bisher zeigen

Es gibt klinische Studien zu Lithium bei kognitiven Beeinträchtigungen, allerdings mit sehr unterschiedlichen Verbindungen, Dosen und Laufzeiten. Eine kleine brasilianische Studie (Nunes et al., 2013) untersuchte bei Menschen mit Alzheimer über 15 Monate die tägliche Gabe einer Lithium-Mikrodosis, die in der Publikation mit 300 Mikrogramm angegeben wird. In der Lithiumgruppe stabilisierte sich ein kognitiver Test, in der Kontrollgruppe verschlechterte er sich. Das Ergebnis ist interessant, aufgrund der kleinen Studiengruppe aber kein ausreichender Wirksamkeitsnachweis.

Andere Studien zeigten keine überzeugenden Verbesserungen. Auch eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse randomisierter Studien (Kishi et al.) liefert keine belastbare Grundlage für eine allgemeine Behandlungsempfehlung. Für Lithiumorotat selbst fehlen ausreichende Daten zu Wirksamkeit und Langzeitsicherheit.

Warum „einfach mal ausprobieren“ keine gute Idee ist

Was ich in der Apotheke zu diesem Thema höre, ist selten eine Frage zur Studie. Meist lautet sie: „Kann ich das nicht einfach nehmen?“ Die ehrliche Antwort ist: besser nicht.

Lithium wird über die Nieren ausgeschieden, deshalb kann sich eine veränderte Nierenfunktion auf den Blutspiegel auswirken. Dazu kommen Wechselwirkungen, die in der Apotheke zum Alltag gehören:

  • bestimmte Diuretika, etwa Thiazide
  • ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker
  • nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac

Sie können den Lithiumspiegel im Blut unter Umständen erhöhen. Dazu sind die Sicherheitsdaten zu niedrigen Lithiumdosen begrenzt, und für eine langjährige Einnahme von Lithiumorotat fehlen belastbare Erkenntnisse. Von einer eigenständigen Einnahme zur Demenzprävention rate ich deshalb ab.

Rechtlich kommt hinzu: Lithium ist in der EU nicht als zugesetzter Mineralstoff in Nahrungsergänzungsmitteln zugelassen, unabhängig von der Verbindung. Das gilt auch für Lithiumorotat. Wenn ein Produkt im Internet frei bestellbar ist, heißt das nicht, dass es rechtmäßig oder sicher ist. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und die Verbraucherzentrale NRW haben genau davor gewarnt.

Was du für dein Gehirn schon jetzt tun kannst

Die Lithiumforschung hilft, die Krankheit besser zu verstehen. Eine Empfehlung zur vorbeugenden Einnahme ergibt sich daraus nicht. Dafür gibt es andere Stellschrauben, die deutlich besser untersucht sind.

Die Lancet-Kommission zur Demenzprävention identifizierte 2024 insgesamt 14 potenziell beeinflussbare Risikofaktoren. Nach ihren Berechnungen könnten weltweit rund 45 Prozent der Demenzfälle theoretisch verhindert oder verzögert werden, wenn diese Risikofaktoren vollständig beseitigt würden. Dabei handelt es sich um eine statistische Schätzung auf Bevölkerungsebene, nicht um eine Garantie für den Einzelnen. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel, Rauchen, soziale Isolation, Hör- und Sehverlust sowie erhöhte LDL-Cholesterinwerte. Es heißt also nicht, dass du mit einem gesunden Lebensstil Demenz sicher verhindern kannst, aber dass du an mehreren Stellen etwas beeinflussen kannst.

Praktisch bedeutet das:

  • Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität ist einer der am besten untersuchten Schutzfaktoren für Herz, Kreislauf und Gehirn.
  • Ernährung: Eine abwechslungsreiche, pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Fisch und wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln ist eine sinnvolle Grundlage. Mehr zu Longevity und gesunder Ernährung findest du in unserem Artikel Well-Aging und Longevity: Was dein Körper wirklich braucht.
  • Schlaf: Ausreichend Schlaf ist für zahlreiche Funktionen des Gehirns wichtig. Wenn du dauerhaft schlecht schläfst, findest du im Ratgeber mehr zu Schlafstörungen: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten.
  • Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin: Regelmäßige Kontrollen und die Behandlung erhöhter Werte können dazu beitragen, das Demenzrisiko zu senken. Mehr zum Thema Bluthochdruck: Hypertonie: Ursachen, Symptome und Behandlung.
  • Hören und Sehen: Ein nachlassendes Gehör oder eine unbehandelte Sehschwäche gelten als Risikofaktoren. Lass sie prüfen und versorgen.
  • Kontakte und geistige Aktivität: Verabredungen, Gespräche, Neues lernen. Das klingt unspektakulär, spielt aber in den Untersuchungen eine Rolle.

Mehr zu Themen rund um deine Gesundheit findest du in unserer Rubrik Gesundheit.

Und wenn du Angehörige begleitest? Dann ist auch deine eigene Gesundheit ein Thema. Pflegende Angehörige schlafen häufig schlechter, bewegen sich weniger und stehen unter Dauerstress. Hol dir Entlastung, Beratung und Austausch, etwa bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und ihren regionalen Angeboten.

Wenn dir Veränderungen bei deinem Gedächtnis auffallen oder du Fragen zu deinem persönlichen Risiko hast, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt darüber.

Häufige Fragen

Gibt es einen Test, der einen Lithiummangel zeigt?

Lithium im Blut lässt sich messen, vor allem zur Überwachung einer Therapie. Für die Allgemeinbevölkerung gibt es aber keinen etablierten Referenzbereich für einen „optimalen“ Spiegel zur Demenzprävention. Eine Routinebestimmung zu diesem Zweck wird nicht empfohlen.

Welche Dosierungen werden erforscht?

Die Mengen unterscheiden sich zwischen den Studien erheblich, und es muss jeweils geklärt werden, ob die Angabe das Lithiumsalz oder elementares Lithium meint. Eine etablierte Dosierung zur Alzheimerprävention gibt es nicht.

Ist Lithiumorotat dasselbe wie Lithiumcarbonat?

Nein. Beide enthalten Lithium, unterscheiden sich aber chemisch und verhielten sich in präklinischen Untersuchungen unterschiedlich. Ob das beim Menschen eine Rolle spielt, ist nicht ausreichend untersucht.

Kann ich Lithiumorotat vorbeugend nehmen?

Dafür gibt es derzeit keine etablierte medizinische Empfehlung. Die bisherigen Ergebnisse reichen nicht aus, um einen vorbeugenden Nutzen beim Menschen zu belegen.

Fazit

Das Nature-Paper hat eine neue und biologisch plausible Hypothese in die Alzheimerforschung gebracht: Könnte ein gestörter Lithiumhaushalt im Gehirn an der Krankheit beteiligt sein, und könnte Lithiumorotat deshalb therapeutisch interessant werden? Die Ergebnisse im Mausmodell sind bemerkenswert. Ob sie sich auf den Menschen übertragen lassen, wissen wir noch nicht.

Vielversprechende Forschung ist noch keine Therapie. Aber manchmal beginnt genau so eine neue Forschungsrichtung.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung.

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Quellen


Karoline Lorf, Apothekerin

Karoline Lorf

APPROBIERTE APOTHEKERIN • PUBLIC HEALTH • DIGITALE GESUNDHEITSKOMMUNIKATION

Karoline Lorf verbindet pharmazeutische Praxis mit Public-Health-Perspektiven und digitalem Denken. Mit Erfahrung in öffentlicher Apotheke, Krankenhaus und klinischen Umgebungen, darunter die Leitung pharmazeutischer Operationen im COVID-19-Impfzentrum Düsseldorf, bringt sie ein tiefes Verständnis für Arzneimittelsicherheit und Qualitätsprozesse mit. Heute fokussiert sie sich auf skalierbare Gesundheitsbildung, KI-gestützte Ansätze und Health Equity: Gesundheitsinformationen müssen für alle zugänglich sein, unabhängig von Bildung, Einkommen oder Wohnort. Sie studiert derzeit Public Health an der IU Hochschule.

www.karolinelorf.de

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